Trauma als Chance....?
Wir alle denken, wenn wir uns endlich bewusstwerden, dass wir traumatisiert sind, dass dies ein grosses Unglück sei. Denn, es war vermutlich ein langer und sehr beschwerlicher Weg bis zu dieser Erkenntnis. Viele emotionale Momente, die uns wehtaten, uns verletzten und uns im Innersten berührten. Wir fingen an, alles und alle zu hinterfragen: ist das wirklich so? Ist er/sie tatsächlich so? Stehen sie hinter mir, oder sind sie eher gegen mich? Wollen sie mir wehtun oder einfach aufzeigen, dass mit mir etwas nicht ganz ok ist? Wieso passiert mir das (immer wieder), und wieso kann ich das einfach nicht ändern? Das ist doch ungerecht – die ganze Welt ist ungerecht! Dabei habe ich mir doch so viel Mühe gegeben. Immer wieder habe ich versucht, mich so anzupassen und einzufügen, dass mir niemand mehr vorhalten kann, mit mir sei etwas nicht in Ordnung. Ich sei schwierig und eigen. Das tut so weh, verletzt so sehr, dass häufig nur noch der Weg des Rückzugs hilft. Wir verschliessen uns in uns selbst. Freundschaften, Beziehungen und Jobs können so immer wieder verloren gehen. Wir werden mit der Zeit immer einsamer und fühlen uns von der ganzen Welt und allem darin ausgeschlossen. Es ist ein Teufelskreis, der sich einfach nicht durchbrechen lässt! Ein sehr trauriges, belastendes und Kräfte zehrendes Leben.
Doch, eines Tages zeigt sich ein Lichtschimmer am Horizont. Wir durften die korrigierende Erfahrung machen, dass da Jemand ist, der einem wahrnimmt, der in dieser Zeit nur für uns da ist, uns zuhört, uns sieht und uns versteht, dem wir alles anvertrauen können, auch Dinge, die wir schon lange vergessen haben und jetzt wieder zum Vorschein kommen. Wir müssen uns dafür nicht schämen, denn es ist unsere Geschichte. Endlich können wir einmal ganz offen alles aussprechen – damit kommt es in die Realität, weil es bezeugt wird. Dann ist es plötzlich gar nicht mehr so schlimm – wir konnten es aussprechen. Es ist, als wäre ein kleiner Splitter aus diesem grossen Felsen, der einem jahrelang belastete, von uns abgefallen ist. Und unser Vis-à-vis sitzt immer noch da, mit ganzer Aufmerksamkeit und hält den Raum, bedeutet uns, dass es ok ist, darüber zu sprechen. Das gibt Halt und Sicherheit. Also erlauben wir uns auch, die aufkommenden Emotionen anzunehmen und zu fühlen. Wir wissen, dass uns im Hier + Jetzt nichts passieren kann. Diese Emotionen sind von früher, vom Dort + Damals. Es ist zwar sehr aufwühlend, und man muss bereit sein, das zuzulassen und aushalten zu können. Aber die ungeteilte Aufmerksamkeit der Begleitung und der Fokus auf den Körper helfen, anzunehmen, was gerade da ist. Es fühlt sich an, als würde ein Energiestrom durch den Körper auf- und ablaufen, eben E-Motion (Energie in Bewegung). Nach und nach wird es weniger. Die Schwere ändert sich in Akzeptanz und Freude. Erste Änderungen werden sicht- und spürbar, die ersten korrigierenden Erfahrungen bringen so unendlich viel Zuversicht und Neugier, wie es denn weitergehen könnte. Neugier auf sich, auf die Anderen, wie sie auf mich reagieren, und Neugier auf die Welt, was sie uns noch alles zu bieten hat.
Es ist zwar eine Last, wenn wir mit Trauma in Kontakt kamen, und «loswerden» können wir es niemals, aber wir können es lernen zu akzeptieren, zu wandeln und zu integrieren. Das ist wirkliche Stärke und ein wunderschöner Weg zur Heilung, zum Ganzwerden und Verstehen. Denn alles, was wir erlebt haben, gehört zu uns und hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Ohne dieses Trauma wären wir nie da, wo wir gerade jetzt sind. Uns würde ein wichtiger Teil fehlen. Es macht uns viel empathischer, offener, reifer, stärker, selbstverantwortlicher…. und noch so Vieles mehr. Aber das grösste Geschenk ist, dass wir uns selber sehr gut kennen gelernt haben, ganz viel verstanden und reflektiert haben. Wir lernten uns selber (wieder) zu lieben, und das kann uns keiner nehmen und auch nicht geben. Wir selber sind dafür verantwortlich. Wir haben uns der Verantwortung gestellt – und uns selber gefunden. Das ist das Grösste und Schönste, was wir für uns selber tun können. Ohne dieses lästige Trauma hätten wir das nie über uns rausgefunden. Also, danke dir selber, dass du dich aufgemacht hast und diese Chance gepackt hast. Namaste.
